Depression, Personal

7 Dinge, die mir meine Depression beigebracht hat.

Es sind Narben, die mit der Zeit schwächer werden oder die man an einigen Tagen kaum noch sehen kann. Das sind die guten Tage. Aber es sind auch Narben, die wieder aufreißen, die man aufkratzt, die aufgerissen werden oder am schlimmsten: die neu entstehen. Das sind dann die nicht so guten Tage. Doch jede einzelne erzählt eine Geschichte und jede einzelne ist verbunden mit einem verzweifelten Moment. Einem Moment, ganz nah am Abgrund. Am Abgrund, zu dem man zwar immer Blickkontakt halten sollte, aber auf dessen Grund man aufprallen und in tausend Scherben seiner selbst zerspringen würde. Also tut man alles dafür, um am Rand des Abgrunds entlang zu balancieren und sich immer wieder zu fangen. Weil schwach sein schlecht ist.

Aber meine Depression und ich sind im Laufe der Zeit ziemlich gute Freunde geworden. Sie ist schon so lange ein wichtiger Teil von mir, dass die Grenzen zwischen meinen Gefühlswelten verschwimmen. Ich habe so oft versucht, sie loszuwerden, – manchmal leider nicht mit ganzer Kraft – aber die lange Zeit, die schon verstrichen ist, hat mich dazu gezwungen, mit ihr auszukommen. Versteht mich aber nicht falsch: das soll kein Post darüber werden, wie toll es ist, Depressionen zu haben, denn das ist es wirklich nicht. Doch ich habe mich so viel mit ihr auseinandersetzen müssen, dass ich von ihr lernen konnte – und das möchte ich heute mit euch teilen.

ERSTENS. (Und das vielleicht Allerwichtigste, das meiner Meinung nach für jeden gilt:) NIEMAND hat das Recht über meine Gefühlswelt zu urteilen, außer ICH selbst. Jedes Gefühl, das ich fühle, gehört mir und mir allein und ist echt und das kann mir auch niemand wegnehmen. Niemand hat zu entscheiden, ob meine Gefühle richtig oder falsch sind, denn solange ich sie so fühle, KÖNNEN sie nur richtig sein. Man sollte sich nie, niemals einreden lassen, dass es anders ist.

ZWEITENS. Meine Depression hat mir ein enorm großes Empathie-Empfinden mit auf den Weg gegeben. Ohne die permanente, wenngleich auch teilweise zwangsgetriebene und viel zu kritische Selbstreflexion, würde ich wahrscheinlich nicht so gut in der Lage sein, mich in andere hineinzuversetzen und Verständnis für die Gefühle, Gedanken und Reaktionen anderer aufzubringen. Und ich bin froh, dass es so ist.

DRITTENS. Man ist nicht allein – auch, wenn es sich VERDAMMT OFT danach anfühlt. Es ist manchmal so, als könnte einen niemand auf der Welt verstehen. Aber es ist nicht so. Man muss nur Leute finden, denen es ähnlich geht und mit denen man sich austauschen kann – dann fühlen sich die Gefühle, die tagtäglich auf einen einprasseln, nicht mehr ganz so heftig an. Und der Austausch ist ganz wichtig, um zu verstehen, was gerade mit einem passiert.

VIERTENS. Alleine sein und damit meine ich dieses Mal, Zeit mit mir selbst zu verbringen, nicht das sich allein gelassen fühlen, war so unendlich wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung. Auch, wenn ich es auf die verdammt harte Tour gelernt habe, bin ich glücklich darüber, dass ich es jetzt kann – und sogar sehr gerne bin. Das hilft mir dabei, in Zukunft nicht mehr ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn einsame Zeiten auf mich zukommen.

FÜNFTENS. Es ist verdammt nochmal okay, schwach zu sein, Schwäche auch zu zeigen oder um Hilfe zu bitten. Ich bin ein sehr stolzer Mensch und mache lieber alles mit mir selbst aus. Hinzu kommt, dass ich ein großes Problem damit habe, um eine helfende Hand zu bitten. Das musste ich erst lernen. Dafür musste ich oft mein Herzklopfen, das mir beim Gesuch um Unterstützung im Hals steckte, runterschlucken und über meinen eigenen Schatten springen. Dabei habe ich erkennen dürfen, dass es ein gutes Gefühl sein kann, zu wissen, welche Menschen mir bedingungslos ihre Hilfe anbieten und für mich da sind – ich muss es nur zulassen.

SECHSTENS. Es ist in Ordnung, wenn man sich nicht im Klaren darüber ist, wer man gestern war, heute ist oder morgen sein wird – oder will. Angststörungen, die oft mit einer Depression einhergehen, zwingen einen manchmal dazu, eine Rolle zu spielen, jemand anders zu sein. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht man selbst ist. Sich darüber im Unklaren zu sein, bei wem man wer ist, ist okay und gehört zum Prozess der Selbstfindung dazu. Dadurch, dass ich mich intensiv mit mir auseinandersetzen musste, konnte ich herausfinden, wie ich mich mit mir selbst am wohlsten fühle und was mich ausmacht.

SIEBTENS. Es kommen IMMER bessere Zeiten. Auch, wenn dieses Learning eher nach einer Floskel klingt und ich früher auch immer die Augen verdreht habe, wenn das jemand zu mir gesagt hat, stimmt es. Man ist oft nur zu sehr in seinen verzweifelten Gedanken gefangen, dass man etwas länger braucht, um zu verstehen, dass die guten Zeiten direkt vor einem liegen können – man muss sie nur als solche begreifen. An manchen Tagen ist das aber echt schwer – dann versuche ich mit aller Kraft, mich darauf zu fokussieren und dann bricht manchmal die Sonne aus den dunklen Wolken hervor. Und immer öfter scheint sie noch bis in den Abend hinein.

Bei einer Depression hilft manchmal nur die Kompensierung des Schmerzes... Bei einer Depression hilft manchmal nur die Kompensierung des Schmerzes...

5 Gedanken zu “7 Dinge, die mir meine Depression beigebracht hat.

  1. Ein so starker und guter Post <3
    Du hast recht, Punkt 1 sollten wir uns auf jeden Fall alle zu Herzen nehmen. Jeder trauert anders, jeder liebt anders, jeder fühlt ganz einfach anders. Und Gefühle gehören einem ganz allein, die sind etwas ganz Persönliches. Und niemand sollte den Eindruck bekommen, sich für seine Gefühle rechtfertigen zu müssen. Niemals.

  2. Vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel. Es ist echt wichtig, dass Menschen mit Depressionen etwas dazu sagen. Viel zu oft fühlt man sich als Betroffene wie ein Außenseiter. Wenn dann auch noch das Umfeld keine Verständnis hat, wird es besonders schwer.

    Deine 7 Dinge hat mir meine Depression fast genau so beigebracht. Ich hab mich in einem Artikel auf meinem Blog etwas darüber ausgelassen, da es mir leider immer noch sehr schwer fällt, sie als Teil von mir zu akzeptieren (hier der Link, bei Interesse http://coloredcube.de/2016/07/1-sterne-rezension-zu-depressionen-ein-erfahrungsbericht/).

    Wünsche dir alles Gute und mehr bessere als schlechte Zeiten!

    Liebe Grüße, Jenny

  3. vic schreibt:

    Hallo
    Danke für Deine Gedanken und Lebensweisheiten. Mein Leben ist eine stetige Welle. Depressiv dann wieder lebbar. 60 Jahre lang. Der Tiefpunkt bedeutet ich will nicht mehr leben. Ab dann geht es wieder aufwärts. Vor 10 Jahren habe ich mir die Freiheit genommen, dass ich mein Leben nicht zu Ende leben muss, Damit war dieser Druck weg. Ich habe die Freiheit selber zu entscheiden, und es geht mir besser. Mein Haus ist drei km von einer Brücke entfernt. Wenn ich nicht mehr leben möchte, mache ich mich auf den Weg. Ich habe lange Zeit mir meine Gedanken zu machen. Die Gedanken werden klar und ich gehe wieder heim zu meiner Famile. Die Entscheidung das Leben und die Depressionen zu verlassen, macht den Kopf wieder frei. Meine guten Gefühle kommen wieder zurück. Für ein par Tage vielleicht Wochen.
    alles Liebe viktor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.