Music, Society

SXTN – bitte wovon redest du?!

Ne, ich habe nicht gerade etwa geniesst, als ich mir den Titel für diesen Blogeintrag ausgedacht habe und mich dadurch inspiriert gefühlt – SXTN sind nämlich zwei ziemlich heiße Mädels aus Berlin, die nicht auf den Mund gefallen sind. Das Video, das Juju und Nura vor knapp über einer Woche aus dem Nichts veröffentlicht haben, schockt sicher den Einen oder Anderen – ich glaube expliziter geht’s nicht mehr – und gleiches gilt für den Inhalt des Tracks. Aber ich finde ihn und das Video überragend. Besonders für ein Duo, von dem man vorher noch nichts gehört hatte. Ich würde sagen: da wusste jemand, wie man eine Bombe baut und mit ihr einschlägt.

Wer sich mit mir schonmal über Musik unterhalten hat, der weiß eigentlich eins sicher: Frauen haben meiner Meinung nach nicht viel mit Rap und Hip-Hop zu tun. Was diese Ansicht angeht bin ich wie ein Veganer: ich muss sie in solchen Gesprächen immer direkt jedem unter die Nase reiben. Ich bin erstmal jedem Female MC total ANTI gegenüber eingestellt. Es gibt nicht viele weibliche Rapperinnen in Deutschland und dementsprechend findet man auch wenig gute und, wenn man dann mal eine entdeckt, die man gut findet, fängt die plötzlich an, rumzuträllern und gefühlsduseligen Kram zu schreiben. Und da kamen mir die beiden gerade recht!

Die Mädels kommen, wie sie selbst sagen, aus der Unterschicht und machen sich nichts draus. „Deine Mutter“ ist in ihren Augen einfach nur ein Battle-Track ohne tiefere Aussage („Wir lieben alle Mütter! Und unsere Mütter feiern das Video auch!“) und REALER als Juju und Nura geht es ja wohl echt nicht – ich jedenfalls kaufe es ihnen zu 100% ab. Die Vorschau am Ende des Tracks (Hallo Schwesta Ewa!) und die beiden neuen Titel, in die man schon in einem Interview mit Visa Vie bei „Irgendwas mit Rap“ reinhören durfte, lassen meine Vorfreude auf MEHR einfach so krass in die Höhe schmettern. YOU GO GIRLS.
















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Aber selbst Visa Vie, die schon lange im Rap-Business ist, ist in dem Interview sehr verunsichert und erwähnt in der Radio-Show SO oft, dass es sich um expliziten Inhalt handelt und dass sich niemand angegriffen fühlen soll. Das zeigt doch mal wieder, welches Bild rappende Frauen in der Gesellschaft haben (jetzt mal abgesehen von meinem ganz persönlichen Bild)… denn: wenn sowas von Männern gekommen wäre, wäre das wahrscheinlich akzeptierter gewesen als das Video von Juju und Nura. Lustigerweise bedienen sich die Mädels an klassischen Elementen aus „normalen“ Rap-Videos und im Prinzip könnte man anstatt der beiden auch einen Haftbefehl ins Bild setzen und es würde immer noch passen. Aber SXTN nehmen den ganzen Hass mit Humor, hauen ein lockeres „feel free to hate“ raus und machen die Haterkommentare zu Witzen. Find ich gut – und ich werde weiterhin auf den Track abfeiern bis er mir aus den Ohren raushängt. Denn seien wir mal ehrlich: jedem einzelnen von euch fällt jemand ein, dem er das gerne mal ins Gesicht schreien würde. Ein bisschen Hass und Wut rauszulassen kann ganz schön befreiend sein und das geht mit „Deine Mutter“ einfach besonders gut.

Ich würde gerne in die Diskussion mit euch einsteigen, da selbst meine rap-hörenden Freunde etwas geschockt von dem Track waren. Sagt mir: ist euch das auch zu krass? „Darf“ man als Frau so sprechen? Ist das in euren Augen vielleicht unweiblich? Warum „dürfen“ Männer das?

Music

Alben des Monats / November 2015

Kopfhörer rein – Welt aus. Wahlweise schmeiße ich den Plattenspieler oder Spotify an. Ohne Musik geht’s nicht. Das erste, was ich morgens mache ist nicht etwa nach der Zahnbürste zu greifen oder mir einen Tee zu machen, nein. Das erste, was ich morgens mache ist Musik anmachen. Wo andere ihre Tasse Kaffee brauchen, brauche ich erstmal ein paar Beats und Sprechgesang (meistens Deutschrap) auf die Ohren. Im Zug sind natürlich die Kopfhörer drin. Sprecht mich bloß nicht an. Die Vorlesung ist langweilig? Dann wird heimlich Musik gehört. Und am Ende eines jeden Monats stelle ich euch die Alben vor, die mich in diesem Monat begleitet haben.



Fatoni & Dexter – Yo, Picasso Fatoni & Dexter
» Yo, Picasso «
Release: 12.11.2015

Ich wollte zwar bei diesen Beiträgen keine Reihenfolge der Alben festlegen, aber es hat einen Grund, warum mir „Yo, Picasso“ gleich zu Beginn einfällt. Fatoni ist ein für mich unglaublich unterschätzter Künstler und bei mir derzeit ganz oben dabei. In Kombination mit den Beats von Dexter knallen seine ungeschönten und oftmals selbstironischen Texte gleich nochmal besser. Er flowt wie gewohnt sehr ungewöhnlich und schafft es dabei – auch wie man es von ihm gewohnt ist –, Reimketten zu bauen, wie es kein anderer kann. Entdeckt man einmal seine Liebe für Fatoni, verschwindet diese nicht mehr. Und diese Platte beweist nur mal wieder wie talentiert er ist.

Früher kaufte ich Waren im Warenhaus,
das war für mich wie Krieg – mir war nach Amoklauf, kam ich aus dem Karstadt raus.
Hab ich was gesucht, hab‘ ich die Mitarbeiter gefragt,
aber die wussten es nicht ein Mal, weil das nie ihre Abteilung war.
Alles voller Menschen und dann ganz lange anstehen,
immer klingeln Telefone, ich frag mich, warum die da nie ran gehen.
Schlimmer sind nur Baumärkte,
da laufen immer saudumme Werbefilme für Tesafilme in voller Lautstärke,
auf zehn Bildschirmen parallel bis ich Bauchschmerzen
oder negative Gefühle oder Migräne kriege und mich aufrege.
Und in der Mitte ist ein Informationsstand,
an dem aber noch niemals ein Hurensohn stand und Informationen gab.
Deshalb lass‘ ich mir heute alles von Amazon schicken,
auch wenn die ihre Mitarbeiter zwingen ihre eigene Mama zu ficken.
Die schuften da 24-Stunden-Tage,
aber weil ihr mich gezwungen habt, kann ich komplett in Unschuld baden.



Romano – Jenseits Von Köpenick Romano
» Jenseits Von Köpenick «
Release: 09.09.2015
Schaut mich bloß nicht so an. Die Platte von Romano ist nicht unbedingt das, was in mein Musik-Beuteschema passt. Einfache Reime und poppige Melodien gepaart mit Texten, die man zwar nicht so ganz ernst nehmen kann, aber vollkommen ernst gemeint sind. Irgendwie klappt die Kombi und die Tracks gehen ins Ohr. Nach nur einmaligem Durchhören des Albums hatte ich schon sämtliche Hooks als Ohrwürmer abgespeichert, die nur auf ihren Einsatz warten. Irgendwie hat Romano es mit seinen geflochtenen Zöpfen und seinem vollkommen eigensinnigen Stil geschafft, zu einer Kultfigur heranzuwachsen – man merkt, dass ihm alles egal ist und das funktioniert unglaublich gut.



Gerard – Neue Welt Gerard
» Neue Welt «
Release: 02.09.2015
Gerard ist für mich einer der allerwichtigsten Künstler überhaupt. Mit seinen Texten kann ich mich so gut identifizieren und seine vergangene Platte „Blausicht“ hat einen ganz besonderen Platz in meinem Plattenregal. „Neue Welt“ ist das perfekte motivierende und optimistische Gegenstück zu den sonst eher melancholischen und nachdenklichen Texten seiner letzten Veröffentlichung. Mit fast jeder Zeile auf „Neue Welt“ trifft mich Gerard ins Herz und die Tracks (die meisten zumindest, denn ein paar nachdenkliche sind auch dabei…) bereiten mir einfach so gute Laune. Besonders „Mehr als laut“ hat mich an besonders dunklen Tagen immer wieder aus meinem Loch geholt.

Ist doch nur Platzregen, lass uns unter dem Dach stehen bleiben.
Du wirst sehen, das geht schon vorbei,
manchmal dauert es, doch es wird wieder gut.
Wer nicht an sich selbst glaubt, kann nicht erwarten, dass es andere dann tun.
Manchmal fehlt der Mut, manchmal sieht es echt kaum so aus, dass es besser wird.
Dann tippst du „Chaos“ in dein Handy und die Autokorrektur macht daraus „Chance“,
du musst lächeln, wirfst dein Handy zur Seite, atmest ein,
wir dürfen nicht auf Glück warten, aber müssen es sein.
Leise Zweifel ignorieren und die großen Ziele laut sagen,
man versinkt mit seinem Aufgeben, wächst mit seinen Aufgaben.
Ohne Leid keine Magie,
die Wolke hat ’ne Sonnenseite, auch wenn man sie ’ne Weile nicht sieht.





digitalluc – wait wait digitalluc
» wait wait «
Release: 23.10.2015
Zugegeben: eine Beatplatte ist als Album des Monats eventuell für den Einen oder Anderen etwas fehl am Platz, aber manchmal braucht man auch keinen Text um Geschichten zu erzählen. Denn die spielen sich dann im Kopf ab. Töne, Bässe, Klänge die einen in eine andere Welt versetzen – und das schafft digitalluc auf dieser Scheibe einfach unglaublich gut. Lasst euch treiben. Auf Platte gibt es die EP aber leider nicht mehr – zum Glück kam mein Exemplar mit ein paar Umwegen noch bei mir an.



Keno – Paradajz Lost Keno
» Paradajz Lost «
Release: 02.11.2015
Keno ist Teil von Moop Mama und vielleicht kennt ihr ja schon die etwas bekannteren Tracks „Liebe“ oder „Stadt, die immer schläft“, die mich mit ihrem positiven Gesamtbild unendlich glücklich machen. „Paradajz Lost“ ist das totale Kontrastprogramm zu diesen Tracks. Ziemlich düster und nachdenklich, sehr gesellschaftskritisch und Keno neigt dazu – auf seine eigene Weise – den Moralapostel zu spielen und den Hörer mit erhobenen Zeigefinger zu ermahnen. Aber das finde ich gut, denn unser Paradies Erde ist echt etwas lost, wenn wir so weiter machen wie bisher. Und in der richtigen Stimmung, kann mich die Platte ziemlich runterziehen.

Ich habe ein Blatt Papier namens Lebenslauf,
alles Wichtige, was ich gemacht hab‘ steht da drauf:
Kindergarten, Schule, Gymnasium, Studium, Arbeit und Praktikum,
alles muss zack zack gehn‘.

Das ist ’ne Liste und da dürfen keine Lücken rein,
keine zeitraubenden Schnüffelein, der Mensch muss immer nützlich sein.
Und nein da steht nichts zwischen den Zeil’n,
mit eigenen Notizen muss musst du dich ’n bisschen beeil’n.

Es wird andauernd gerannt,
deswegen heißt es Lebenslauf und nicht -gang,
am besten immer auf der Hauptstraße lang,
denn in den Nebengassen gibt es viel zu Vieles, das dich aufhalten kann.

Und die Konkurrenz schläft nicht,
die verbessert ihre Kernkompetenz stetig während du überlegst,
wie ’ne Ameise macht was ’ne Ameise macht,
haben die schon längst den nächsten Leistungsnachweis erbracht.





Demograffics – Glue Demograffics
» Glue «
Release: 19.10.2015
Mal abgesehen davon, dass der Frontmann Maniac eine unglaublich sympathische Persönlichkeit ist (ihr hättet mal sehen sollen, wie er sich gefreut hat, als ich seine Platte auf einem seiner Konzerte gekauft habe!), schafft er es auf einer Platte so viel zu sagen, wie manch anderer nicht und das ohne, dass man in seinem Englisch sein Tiefbayerisch hört und mit einem ganz eigenen Charme! Das Teil geht – wie alle Sachen von dem Duo – ziemlich entspannt ins Ohr. Eine Platte, die ich gerne nebenher höre, um hin und wieder mal genauer hinzuhören und mich treiben zu lassen.



LOT – 200 Tage LOT
» 200 Tage «
Release: 15.04.2015
LOT habe ich kennengelernt, als er auf „Neue Welt“ von Gerard einen Featurepart hatte. Anfangs war ich sehr skeptisch und habe mich nicht groß für ihn interessiert. Aber dann war er auf der Gerard-Tour Support-Act und ich „musste“ mir Zeit für seine Musik nehmen. Ich war – zu meiner Überraschung – sofort hin und weg. Einfache Reime, also wirklich keine große Kunst, die einen aber dennoch komplett mitreißen, weil sie, so simpel sie auch sein mögen, ziemlich viele Gefühle auslösen und auf den Punkt bringen. Dazu noch catchy Hooks, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt und ganz viele Gefühle. Hach. Auch wenn das Release schon etwas älter ist, lohnt es sich wirklich, mal reinzuhören.



eRRdeKa – Rapunderdog eRRdeKa
» Rapunderdog «
Release: 28.08.2015
Irgendwie bin ich auch über dieses Release etwas spät gestolpert, aber es hat mir auf jeden Fall gezeigt, wie gut ich eRRdeKa eigentlich finde und, dass ich ihm in Vergangenheit nicht die Aufmerksamkeit zugesprochen habe, die er verdient. Das Album ist sehr aggressiv und das finde ich ziemlich geil. Es ist im Gegensatz zu seinen älteren Releases eher weniger mit Gefühlsduselei behaftet und einfach hart „Auf die Fresse“-Style. Die Platte mache ich an, wenn ich mal ein paar Aggressionen raus lassen und in meiner Bude auf und ab hüpfen will. Das braucht ihr euch aber jetzt nicht bildlich vorzustellen.

xoxo